Als Angehörige eines Patienten mit Depression und Borderline-Erkrankung habe ich die sogenannte Angehörigenarbeit dieser Klinik als völlig ungenügend erlebt.
Während des knapp zweimonatigen Aufenthalts wurde selbstverständlich erwartet, dass ich mit zwei jungen Kindern, Beruf und eigener Belastungsgrenze jedes Wochenende für Belastungstrainings zur Verfügung stehe. Meine Zeit, meine Erholung und die Bedürfnisse der Kinder schienen dabei keine Rolle zu spielen. Die Klinik konnte Belastung trainieren, weil im Hintergrund jemand vorhanden war, der alles auffing: Ich.
Ein Angehörigengespräch fand nicht etwa statt, weil die Klinik die Belastung des familiären Umfelds ernst genommen hätte, sondern erst, nachdem sich meine Therapeut aktiv an die Klinik gewandt hatte. Und dieses Gespräch wurde dann einen Tag vor dem Austritt angesetzt. Zu einem Zeitpunkt also, an dem viele entscheidende Weichen längst gestellt waren.
In diesem Gespräch hatte ich den Eindruck, dass man sich vor allem gegenseitig auf die Schultern klopfte, wie gut alles gelungen sei. Die Realität zuhause wurde weitgehend ausgeblendet. Die Belastung der Kinder, meine Überforderung und die Tatsache, dass die gesamte Organisation des Familienalltags weiterhin an mir hängen blieb, hatte keine Relevanz.
Besonders erschreckend finde ich rückblickend, was meine Kinder mir nach der Entlassung erzählt haben. Bei Belastungstrainings wurde bereits die neue, frisch verliebte Mitpatientin/Freundin des Patienten in die Familiensituation eingebunden. Zwei Kinder, zwei psychisch belastete Erwachsene und eine neue Beziehung mitten in einer hochsensiblen Phase. Falls etwas nicht funktionierte, gab es ja noch mich, die Mutter, die alles auffängt. Dass Kinder in dieser Situation Stabilität und Verlässlichkeit brauchen, schien ebenfalls keine Relevanz zu haben.
Seit Langem war klar, dass ein Auszug des Patienten notwendig ist. Die Situation zuhause war für mich nicht mehr tragbar. Trotzdem wurde dies offenbar als Wunsch des Patienten behandelt und nicht als berechtigtes Anliegen der Angehörigen. Statt konkrete Lösungen einzufordern, wurde erwartet, dass ich weiterhin Verständnis habe, weiterhin Geduld aufbringe und weiterhin funktioniere.
Mir wurde wiederholt vom ihn und auch in der Klinik vermittelt, man solle doch anerkennen, was der Patient alles geleistet habe. Das tue ich durchaus. Was ich jedoch vermisse, ist jede Anerkennung dessen, was Angehörige leisten. Wer über Monate und Jahre die Verantwortung trägt, die Kinder schützt, den Alltag organisiert, Krisen auffängt, finanzielle und organisatorische Lasten übernimmt und dabei selbst an Grenzen kommt, hat ebenfalls Anspruch darauf, gesehen zu werden.
Mein Eindruck ist, dass die Klinik Angehörige nicht als Menschen mit eigenen Belastungsgrenzen betrachtet, sondern als jederzeit verfügbare Ressource. Solange jemand im Hintergrund funktioniert, werden die Folgen für diese Person offenbar nicht hinterfragt.
Für mich bleibt die bittere Erkenntnis, dass viel Energie in die Stabilisierung des Patienten investiert wurde, während die Belastung der Angehörigen und insbesondere der Kinder kaum Beachtung fand. Eine gute psychiatrische Behandlung sollte das gesamte System im Blick haben. Diesen Anspruch hat die Klinik in unserem Fall klar verfehlt.